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#Chronique

Eine Filmwelt. Das Autogrammbuch von Charles Reinert SJ (1946-1960)
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Das Autogrammbuch von Charles Reinert SJ und sein Vermittler Franz Ulrich

In memoriam Franz Ulrich (1936-2022)

«In der päpstlichen Enzyklika ‚Miranda prorsus‘ von 1957 ist von den Massenmedien die Rede als ‚geradezu wunderbare Erfindungen der Technik‘, die die Kraft des Menschen‘ vervielfachen. Diese und andere grundsätzlich positive Einschätzungen des Films von theologischer Seite sind der springende Punkt. Die Begeisterung für den Film, die Leute wie Abbé Joye, Reinert und auch ich selbst hatten, wurde damit sanktioniert, legitimiert und mit einem seelsorgerischen Auftrag verknüpft. Und dieser Auftrag umfasste auch die Beratung der Gläubigen bei der Wahl ihrer Unterhaltung.»

Die «kirchliche Filmarbeit“, deren Hintergrund und Auftrag der Filmkritiker Franz Ulrich im Gespräch mit Adrian Gerber beschreibt, ist ein heute kaum mehr gegenwärtiges Kapitel Schweizer Filmgeschichte. Ihr wichtigstes Erbe sind die Filmzeitschriften, die bis ins Jahr 1938 zurückreichen. Damals veröffentlichte das noch in Luzern beheimatete Filmbüro die Filmberichte des Schweizerischen katholischen Volksvereins (SKVV). 1941 ging daraus die Zeitschrift Der Filmberater hervor und 1942 zog das Filmbüro nach Zürich um. Massgeblich beteiligt am Aufbau dieser Strukturen war der Jesuit Charles Reinert, dessen Wirken die vorliegende Publikation beleuchtet. Reinert war ein Pionier, der sich ganz der Vermittlung des damals noch jungen Mediums Film verschrieb. Neben seiner Funktion als Leiter des Filmbüros und Redaktor der Zeitschrift wirkte er in nationalen und internationalen Gremien der katholischen Filmarbeit mit und publizierte 1946 die erste deutschsprachige Filmenzyklopädie. Das schöne Buch mit dem Titel Kleines Filmlexikon. Kunst, Technik, Geschichte, Biographie, Schrifttum wurde 1948 von Francesco Pasinetti unter dem Titel Filmlexikon. Piccola enciclopedia cinematografica ins Italienische übertragen und erweitert.

Spuren der Filmgeschichte publiziert zwei Beiträge zur Geschichte der kirchlichen Filmarbeit in der Schweiz. Beim ersten, dem Autogrammbuch von Charles Reinert, handelt es sich um ein Archivdokument der besonderen Art: Von 1946 bis 1960 sammelte Reinert in einem dicken Buch, das er an Veranstaltungen und Reisen scheinbar immer mit sich trug, Unterschriften sowohl von Vertretern der katholischen Kirche als auch von Filmschaffenden seiner Zeit. Sein Autogrammbuch enthält unterschiedlichste Spuren: Signaturen, Sprüche, Fotografien oder Erinnerungen wie die Menükarte eines gemeinsamen Essens. An Filmpremieren in der Schweiz, an Filmkongressen, bei Juryteilnahmen und an Festivals – regelmässig besuchte er etwa die Internationalen Filmfestspiele in Venedig – pflegte Charles Reinert offensichtlich einen regen Austausch mit der damaligen Filmwelt in ihrer ganzen Reichweite. Protagonist:innen des Hollywoodkinos wie Orson Welles oder Liz Taylor; Vertreter des Avantgardefilms wie Hans Richter und Alberto Cavalcanti; Henri Langlois, langjähriger Direktor der Cinémathèque française; prägende Figuren des europäischen Autor:innenfilms wie Federico Fellini und Giulietta Masina oder die Schweizer Filmschaffenden Leopold Lindtberg oder Heinrich Gretler signieren hier für den Geistlichen und profunden Filmkenner, der als eine Art Fan auftritt.

Das Autogrammbuch zeugt so von zahlreichen Begegnungen und legt ein reiches Netzwerk von Personen und Orten aus. In ihm vereinen sich exemplarisch katholische Kirchengeschichte mit europäischer und amerikanischer Filmgeschichte. Zudem ist es auch ein Dokument der Nachkriegszeit und verweist auf die Verstrickungen zwischen Kunst und Politik. Denn es enthält nicht nur Unterschriften von Emigrierten und Exilierten – wie etwa Peter Lorre und der während des Zweiten Weltkrieges in der Schweiz tätigen Therese Giehse -, sondern mit Kristina Söderbaum oder Alfred Bauer auch von Personen, die innerhalb des nationalsozialistischen Systems Karriere machten.

Die Existenz dieses Buches bekannter zu machen, war Franz Ulrich, einem der Nachfolger Reinerts im Filmbüro, ein grosses Anliegen. Franz Ulrich war Anfang der 1960er Jahre die treibende Kraft eines viel zu wenig bekannten Filmklubs an der Universität Fribourg, wo er nach seinem Studium der Germanistik, Psychologie und Pädagogik auch Filmvorlesungen abhielt. Ab 1967 bis zu seiner Pensionierung war er im Filmbüro tätig und brachte seine Begeisterung und Leidenschaft für den Film insbesondere in die publizistische Arbeit ein: zuerst als Redaktor des Filmberaters und ab 1973 als Mitredaktor der ökumenisch organisierten Nachfolgezeitschrift, die zuletzt unter dem Titel ZOOM: Zeitschrift für den Film erschien. Im Filmbüro führte Franz Ulrich nicht nur die publizistische Tätigkeit weiter, sondern trieb auch den Aufbau einer Bibliothek und einer umfangreichen Dokumentation zu nationalen und internationalen Filmen voran. Als die Filmzeitschriften Ende des 20. Jahrhunderts eingestellt wurden, gingen diese Bestände an die Cinémathèque suisse über, die seither einen Standort in Zürich, das heutige Forschungs- und Archivierungszentrum Zürich, unterhält.

Dem reichen Erbe Reinerts und seiner Rolle als kirchlicher Filmpublizist fühlte sich Franz Ulrich zeitlebens sehr verpflichtet. Im zweiten Beitrag zur Geschichte der kirchlichen Filmarbeit, der in Spuren der Filmgeschichte publiziert wird, nimmt Franz Ulrich das Autogrammbuch als Anlass aus heutiger Perspektive auf die Geschichte der kirchlichen Filmarbeit zurückzublicken. Im Gespräch mit dem Filmhistoriker Adrian Gerber diskutiert er deren Auftrag und Wandel, die eigentümliche Signaturensammlung Reinerts und spricht über seine eigene jahrelange Leidenschaft für Film und Literatur.

Das Autogrammbuch online zu publizieren, war ein expliziter Wunsch Ulrichs, dessen Erfüllung er nun leider nicht mehr miterleben kann. Franz Ulrich ist am 21.Februar 2022 gestorben; diese Publikation ist ihm gewidmet.

Seraina Winzeler

Das Autogrammbuch ist Teil des Fonds Kirche und Film, der die katholische Seite der kirchlichen Filmarbeit dokumentiert. Link zur Datenbank caspar der Cinémathèque suisse

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