Dazugehöriges Material
Die audiovisuellen Archive müssen neben den Beständen an Tondokumenten auch das «dazugehörige» oder «Begleitmaterial» umfassen: Dazu zählen alle Dokumente und anderweitig erstellten Beilagen, aus denen der Kontext der Tonaufzeichnung zu entnehmen ist. Dies verleiht den audiovisuellen Archiven die Doppeleigenschaft als Archive und als Museen.
Dabei kann es sich um unterschiedliches Material handeln, darunter die Geräte und technischen Instrumente, die zum Lesen der Tondokumente gebraucht werden (zeitgenössische oder moderne Geräte, Ersatzteile usw.) sowie die gesamte Dokumentation über die Geschichte der Tonträger, der Aufnahmetechnik oder der Plattenproduktion.
Zum tönenden Erbe gehören ausserdem sämtliche Begleitdokumente und Zusatzinformationen (Handschriften, Illustrationen, verschiedenste Zeugenberichte) im Zusammenhang mit allen aufbewahrten Beständen.
Als Kriterium für die Auswahl von Material gilt, dass es wegen des Bezugs zu besonderen Aufzeichnungen oder Persönlichkeiten, wegen des Phänomens der Tonaufzeichnung oder wegen der industriellen, künstlerischen und sozialen Bedeutung für die Welt der Tonaufnahme ausgewählt wurde.
Geräte
Der Erhalt und die Pflege von Originalgeräten, die zum Abspielen der Originalträger nötig sind, sind ein wichtiger Teil des Prozesses der Langzeiterhaltung. Viele Medien sind ohne ihre Abspielgeräte unlesbar und entsprechend als Archivalie wertlos.
Zustandsbestimmung von Tonträgern
Tonträger nutzen sich im Laufe der Zeit unweigerlich ab. Die Abnutzung ist hauptsächlich auf die Luftfeuchtigkeit zurückzuführen. Sichtbare Zeichen der Beschädigung sind Pilze. Es ist wichtig, bei der Untersuchung von Audiobeständen bereits erste Anzeichen von Beschädigungen zu entdecken, die beim Lesen eventuell zum Verlust ganzer Dokumente führen könnten. Bei Zylindern und Direktschnittplatten ist auf den ersten Blick zu erkennen, ob die Oberfläche des Tonträgers zerbrochen, abgelöst oder mit Schimmelpilz bedeckt ist. Bei Magnetbändern dagegen sind die sichtbaren Zeichen einer Beschädigung weniger deutlich. Natürlich fallen Schimmelpilz oder Unregelmässigkeiten beim Rückspulen (potenzielle Hinweise auf ein Problem) auf bestimmten Tonträgern auf, aber für die gravierenden Fälle reicht eine oberflächliche Untersuchung nicht (siehe auch Kapitel Erhaltungsbedingungen für Tondokumente).
Digitale Formate von Tonaufnahmen
Seit den 90er-Jahren sind in den Tonarchiven zunehmend auch digitale Originale anzutreffen. Immer mehr Quelldateien sind in proprietären Formaten gespeichert und verlustbehaftet, weil die Tonaufnahme in diesen Formaten vorgenommen wurde. Das Problem bei kodierten Formaten besteht darin, dass sie dekodiert werden müssen. Auch besteht das Risiko, dass der Kodierungsalgorithmus bestimmter Dateien nach einigen Jahren nicht mehr auffindbar ist. Da die Lebensdauer der Codecs nicht bekannt ist und allein von der Industrie abhängt, wird nachdrücklich empfohlen, keine Dateien mehr in diesen Formaten zu archivieren. Tonaufnahmen müssen in offenen, aufwärtskompatiblen und linearen Formaten aufbewahrt werden.
Besondere Vorsicht ist bei reduzierten/verlustbehafteten Formaten wie z. B. MP2 oder MP3 geboten. Eine spätere Tonbearbeitung ist in diesen Formaten nicht mehr möglich, ohne dass Artefakte entstehen. Ausserdem werden sie wahrscheinlich verschwinden, sobald ein neues, leistungsfähigeres Format aufkommt. Wenn das Format z. B. für eine Ausstrahlung datenreduziert wurde, muss das «Arbeitsformat» vor der Ausstrahlung wiedergewonnen werden (sofern die Qualität besser ist).
In jedem Fall gilt: Je besser die Qualität des Archivierungsformats (vg. IASA-TC 04), desto besser die künftigen Nutzungsmöglichkeiten. Dabei ist zu bedenken, dass die Qualität einer Datei immer reduziert, aber nur sehr schwer, wenn überhaupt, verbessert werden kann. Zudem sollte man Formate auswählen, die möglichst in jedem Informatikumfeld lesbar sind.
Damit Dateien wieder gefunden werden können, müssen sie beschreibende Daten aufweisen, die sogenannten Metadaten. Zu Audiodokumenten gehören deshalb Informationen, die in einem gleich offenen und entwicklungsfähigen Format wie die beschriebene Datei enthalten sind. Dieses kann in der beschriebenen Datei selbst enthalten sein, wie z. B. das Format BWF.
Datenreduktion
Bei der Datenreduktion handelt es sich um verschiedene Codierverfahren, welche die Menge der aufgezeichneten Daten klein halten. Allen ist gemeinsam, dass sie aufgrund psychoakustischer Modelle Daten weglassen, die nicht hörbare Teile eines Schallereignisses darstellen. Diese sogenannten Kodierungsalgorhythmen (Codecs) werden für eine grosse Menge von meist filebasierten Audio-Formaten verwendet. Datenreduzierte Audiofiles sind im alltäglichen Gebrauch einfach zu handhaben. Für die Archive sind sie aber problematisch: Beim wiederholten Kopieren (Kaskadieren) können Töne entstehen, die nie vorhanden waren, sogenannte Artefakte. Ausserdem kann die künftige Wiedergabe eingeschränkt sein (Quelle: IASA-TC 03, Kapitel 11).
Bibliografie und Links
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IASA TC 03. IASA Technical Committee, The Safeguarding of the Audiovisual Heritage: Ethics, Principles and Preservation Strategy, Co-Edited by Will Prentice and Lars Gaustad. Version 4, 2017 (= Standards, Recommended Practices and Strategies, IASA-TC 03). Online, Stand: 21.2.2022
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IASA TC 04. IASA Technical Committee, Guidelines on the Production and Preservation of Digital Audio Objects, ed. by Kevin Bradley. Second edition 2009. (= Standards, Recommended Practices and
Strategies, IASA-TC 04). Online, Stand: 21.2.2022 -
Image Permanence Institute, A-D-Strips bestellen, Online, Stand: 21.2.2022.
Letzte Anpassung: Februar 2025